Irrungen, Wirrungen
Der renommierte Kaempfer-Experte Professor Wolfgang Michel und Mitherausgeber der kürzlich im Lemgoer Rathaus vorgestellten kritischen Werkausgabe referierte über den Weg des kaempferschen Nachlasses bis zur Veröffentlichung der ersten deutschen Ausgabe. Auch wenn die zahlreichen Editoren von Engelbert Kaempfers Lebenswerk, unter ihnen der aus Lemgo stammende
Christian Wilhelm von Dohm, keine wortgetreuen Übersetzungen anfertigten, so wurden die Schriften durch diese Eingriffe doch nicht verfälscht.
Die Ausführungen des an der japanischen Universität Fukuoka lehrenden Wissenschaftlers erschöpften sich nicht an den Entwicklungen nach dem Tode Kaempfers. Er machte deutlich, dass es durchaus keine spontane Idee des Lemgoer Arztes war, das ferne Japan zu erkunden. Vielmehr entstand sein Projekt während eines Aufenthaltes in Batavia, der heute unter dem Namen Jakarta bekannten Hauptstadt Indonesiens. Dort im Stützpunkt der niederländisch-ostindischen Handelsgesellschaft, als dessen Arzt er nur kurze Zeit später nach Japan geschickt werden sollte, hatte Engelbert Kaempfer engen Kontakt zu ehemaligen Japanfahrern. In einem intensiven Erfahrungsaustausch wurde er systematisch auf seine spätere Reise nach Nagasaki vorbereitet. Im Londoner Nachlass Kaempfers findet sich ein Schriftstück, das wie eine Arbeitsanleitung für seinen Japan-Aufenthalt wirkt.
Der ursprüngliche Adressat dieses Memorandums war zwar nicht Kaempfer, doch es muss an ihn weitergegeben worden sein. In diesem ist detailliert aufgelistet, was die Japan-Kenner in Batavia interessierte: japanische Schriftproben, Bücher, Karten und Pflanzensammlungen. Es war also kein Zufall, dass er sich während seines zweijährigen Aufenthaltes (1690-92) so genau mit Japan zu beschäftigen wußte.
Selbst wenn Engelbert Kaempfer, der von den bemerkenswerten Leistungen seines japanischen Kammerdieners und Dolmetschers bei der Beschaffung von Materialien profitierte, laut Professor Michel nicht der "hellsichtige Späher" war, der Japan als erster entdeckte, so läßt er sich auch nicht auf die Rolle eines Erfüllungsgehilfen reduzieren. Seine Hinterlassenschaft zeigt eindrucksvoll die Lebensleistung eines großen Forschers.
Das Erbe Engelbert Kaempfers in Form seiner Manuskripte ging nach seinem Tod 1716 auf eine Odyssee. Sein Neffe Johann Hermann Kaempfer verkaufte eine der beiden Originalhandschriften an einen Deutschen, der in London lebte und arbeitete. Nach der Übersetzung ins Englische sollte die vertraglich festgeschriebene deutsche Ausgabe folgen. Anschließend wanderte das Londoner Manuskript durch mehrere Hände, bis es letztlich fünf Jahre nach dem Verkauf 1727 als "The History of Japan" erschien. Die deutschsprachige Ausgabe, zusammengestellt von dem in Lemgo geborenen Christian Wilhelm von Dohm, erlebte ihre Drucklegung jedoch erst 1777. Johann Hermann Kaempfer hatte bis zu seinem Tode im Jahr 1736 vergeblich versucht, die Hinterlassenschaft seines Onkels zu veröffentlichen. Da das zweite Originalmanuskript unvollständig war, forderte er aufgrund der Vertragsvereinbarung Informationen aus London an. Was und wie viel die Sendung aus England enthielt, vermag die Forschung bis heute nicht zu sagen. Durch den Tod des Neffen gingen die Dokumente in das Eigentum seiner Schwester über und blieben unveröffentlicht. Bis zur Wiederentdeckung sollten 37 Jahre vergehen. In ihrem Nachlass, der mit hohen Schulden belastet war, wurden wieder zwei Manuskripte entdeckt. Schon damals war durch Vergleich der Handschriften festgestellt worden, dass es sich bei den zwei Manuskripten, um ein Original von Engelbert Kaempfer und eine durch die Londoner Schriften ergänzte Abschrift seines Neffen Johann Hermann handeln musste. Dabei betonte Wolfgang Michel, dass die neuesten Untersuchungen anlässlich der Edition der kaempferschen Werkausgabe diese Feststellung untermauern.
Der Lemgoer Bürgermeister
Christian Friedrich Helwing bewahrte die Schriftstücke vor der Zwangsversteigerung und führte sie Dohm zu. Der damals 22jährige erhielt den Auftrag zur Druckvorbereitung der Materialien. Für diesen war es eine "patriotische Herzensangelegenheit", anhand des Lemgoer Originalmanuskriptes endlich eine deutsche Ausgabe zu publizieren. Dass Dohm - wie auch bereits vor ihm die englischen Herausgeber - durch Veränderungen stark in das Werk Kaempfers eingegriffen haben, darf nicht überbewertet werden. Neben der Bewahrung der Authentizität gelang den Mitautoren die Erschließung des Werkes für eine breite Öffentlichkeit.