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Schon vor 250 Jahren: Elektrisiermaschine in Lemgo


Abb. Elektrisiermaschine
Abb. Elektrisiermaschine

In den höfischen "Kunst- und Wunderkammern" der Renaissance und des Barock wurde alles Außergewöhnliche und Bestaunenswerte, Kuriositäten und Raritäten aufbewahrt; sie dienten der fürstlichen Repräsentation gegenüber fremden Besuchern und eigenen Untertanen - und siehe da, das Interesse war so groß, daß manche Sammlungen bis heute aufrechterhalten werden konnten. Auch das Bürgertum begann, solche Sammlungen aufzubauen, um damit sein Weltbild zu erweitern und seine Gäste zu beeindrucken. Nur mit der Erhaltung sah es da nicht so gut aus; wir müssen schon froh sein, wenn wir auf zufällige Hinweise ihrer Existenz stoßen - hierfür einige Beispiele.

1703: Lemgo - Lieme, Steinhof


Dem fleißigen Memoirenschreiber Graf Ferdinand Christian zur Lippe ist es zu verdanken, daß er uns seinen Besuch (mit zwei Brüdern und mit Graf und Gräfin von Kaunitz) auf dem Steinhof, dem Alterssitz Engelbert Kaempfers, schilderte und dabei die Raritäten erwähnte: Seltene Sachen, Mitbringsel von seinen Reisen, schöne Stücke aus Porzellan ... Solche Besuche sollen oft stattgefunden haben. Der Landesherr Graf Friedrich Adolph besaß in Detmold anscheinend keine eigene Kunstkammer; er lieh sich manchmal zur Repräsentation geeignete Stücke für seine Feiern aus.

1749: Lemgo, Mittelstraße 61 (RB 112) - Neue Apotheke


Abb. Elektrisiermaschine (Standort: Arolsen)

Dr. Karl Meier - Lemgo berichtet uns in seiner Geschichte der Stadt Lemgo von einer Aufnahme des Inventars der Neuen Apotheke, die anläßlich eines Konkurses durchgeführt wurde. Neben der üblichen Ausstattung einer Apotheke führt er auf: Etliche Curiosa, ein Seehund, zwei trockene Fische, ein Krokodil, ein Elchfuß, eine Meerschnecke, ein Drache, ein Seeigel und ein Einhorn.

  

1775: Lemgo, Papenstraße 20 (NB 83) - im 16. Jh Apothekerhof - im 17. Jh. Kerssenbrockscher Hof - im 18. Jh. Toppscher Hof - im 20. Jh. Baulücke


Reibungs-Elektrisiermaschine (Standort Kassel)
Reibungs-Elektrisiermaschine mit Reibkissen und Glaskugel von 41 cm Durchmesser. Auf dem Holzgestell liegt eine Entladungszange (18. Jahrhundert)
Elektrisiermaschine (Standort: Weimar)

Dr. Fred Kaspar beschäftigt sich in seinem Werk: Bauen und Wohnen in einer alten Hansestadt unter anderem ebenfalls mit der Auswertung von Inventaren. Anläßlich eines Gerichtsverfahrens erfahren wir, daß im Haus des Richters Dietrich Daniel Topp (1725-1781) ein mit einem Ofen beheizbarer Bibliotheksraum (mit mehreren hundert Büchern) vorhanden war, der neben einem Arztbesteck und Medizin auch Objekte enthielt, die Experimentierfreude erkennen lassen: ein Brennspiegel, Magneten und eine Elektrisiermaschine. - Diese kurze Notiz läßt Raum für viele Vermutungen: Woher kam die Maschine, welche Bauart, wo blieb sie?

Bekanntlich wird statische Elektrizität durch Reiben elektrisierbarer Körper erzeugt. Etwa um 1665 kam der Bürgermeister von Magdeburg Otto von Guericke (der mit den Magdeburger Halbkugeln) als Erster auf die Idee, die mühsame Hin- und Herbewegung durch eine kontinuierliche Drehbewegung zu ersetzen.  Er fand, daß leichte Körper von einer rotierenden und mit der Hand oder einem Kissen geriebenen (elektrisch aufgeladenen) Schwefelkugel nicht nur angezogen, sondern auch abgestoßen werden können. Um 1700 ersetzte man die Schwefelkugel durch eine Glaskugel: eine solche Maschine kann man heute noch im Laboratorium der Brandes´schen Apotheke besichtigen, das im Stadt- und Bädermuseum Bad Salzuflen aufgebaut ist.

Auch die Maschine aus Salzuflen lässt Raum für viele Vermutungen: Es ist nicht auszuschließen, dass sie aus Lemgo stammt. Die Vermutung liegt deswegen nahe, weil zwei Brüder des Apothekers Rudolph Brandes Lemgoer Bürger waren, er selber war Schüler des Lemgoer Gymnasiums und hat später (um 1825) wissenschaftliche Untersuchungen wahrscheinlich an dieser Elektrisiermaschine durchgeführt, die aber dem damaligen Stand der Technik nicht entsprach. - An der Weiterentwicklung waren erstaunlich viele Forscher aus ganz Europa beteiligt. In unserer Nähe bastelte um 1750 der Physikprofessor Johann Gottlieb Stegmann von der Universität Rinteln Elektrisiermaschinen und vertrieb sie. - Im gleichen Jahr erschien in der Meyerschen Hofbuchhandlung eine Schrift von J. Bunsen, Fürstlich Waldeckischer Münzmeister und Bürgermeister von Arolsen, in der er meteorologische Erscheinungen auf elektrische Wirkungen zurückführte. Bunsen konstruierte auch eine verbesserte Elektrisiermaschine (mit Glasscheibe), die in Arolsen zu sehen ist (der "Bunsenbrenner" stammt von einem Nachfahren).

Die neuen Möglichkeiten erregten die wissenschaftliche Welt, bis nach Amerika. Benjamin Franklin experimentierte mit einer Elektrisiermaschine und erfand 1752 den Blitzableiter. Er traf sich 1766 in Pyrmont mit Naturwissenschaftlern, um sich auszutauschen, und hat möglicherweise die Maschine von Bunsen begutachtet.

Plakat für eine Vorführung in Hamburg

Die neuen Entdeckungen erregten nicht nur die wissenschaftliche Welt, sondern weckten die Wissbegierde der ganzen Gesellschaft. Es wird z.B. 1750 von einer öffentlichen Vorführung in Hamburg berichtet, auf der man sich "für 1 Schilling Elektrisieren" lassen konnte. Auch der immer gut informierte Goethe leistete seinen Beitrag; er kannte die Elektrisiermaschine aus seiner Kindheit, erweiterte seine Kenntnisse darüber in Leipzig ( 1765/68 bei Prof. J. H. Winckler) und besaß später eine eigene (heute noch in Weimar zu sehen); dazu ist eine für Jena angeschafft worden, vermutlich auf Betreiben Goethes. Er schrieb nicht nur über sie, z.B. in "Dichtung und Wahrheit" (1. Teil, 4. Buch) und an vielen anderen Stellen, sondern hielt sogar Vorträge über die Elektrizität und erkannte sie als "Weltseele". - Gemeinsame Interessen führten zu einer ausgedehnten Korrespondenz Goethes mit Rudolph Brandes aus Salzuflen. - Goethe und Schiller versprachen sich viel vom Einsatz der Elektrizität als Heilmittel. - Es ist nicht verwunderlich, dass sich auch Lemgoer Bürger am Fortschritt beteiligen wollten. - Die erste Vorführung einer Elektrisiermaschine in Detmold fand erst 1837 in Gegenwart des Erbprinzen Leopold zur Lippe, des Prinzen Woldemar und unter Mitwirkung des Medizinalrats Rudolph Brandes über das Thema: "Elektrizität in der Atmosphäre" statt.

Die Erzeugung und Anwendung statischer Elektrizität bildete allerdings nur die Vorstufe für das Zeitalter der Elektrizität, das sich erst durchsetzen konnte, als wesentlich leistungsstärkere elektrodynamische Generatoren im 19. Jahrhundert zur Verfügung standen - aber immerhin war es möglich, einer Elektrisiermaschine bei einer Gleichspannung von 20000 Volt ständig Ströme bis zu 0,1 Milliampere zu entnehmen (abgesehen von hohen Stromspitzen bei kurzzeitigen Entladungen).

Heutzutage werden Spannungen und Ströme dieser Größenordnung zum Betrieb von Bildschirmröhren in Fernsehgeräten u.ä. benötigt und durch elektronische Hochspannungsgeneratoren im Umfang von etwa zwei Zigarettenschachteln erzeugt. - Wissbegierige werden gewarnt: Vor Öffnen eines Geräts Netzstecker ziehen!

Hawksbees Elektrisiermaschine aus dem Jahr 1705, London
Hawksbees Elektrisiermaschine aus dem Jahr 1705, London

Der Beitrag wurde freundlicherweise für diese Publikation von Herrn Professor Günter Laue verfasst. 12/01
E-Mail:  052615164-0001(at)t-online.de

Literaturhinweis:

  • Kittel, Erich (Hrsg.): Memoiren des Generals Graf Ferdinand Christian zur Lippe  Lemgo: 1959 - Seite 91, 117 (Vorhanden in Stadtbücherei unter: DYB 2 FERD)
  • Meier - Lemgo, Karl: Geschichte der Stadt Lemgo. (Sonderveröffentlichungen  des Naturwiss. und Historischen Vereins für das Land Lippe Bd. 9) - Seite 232. (Vorhanden in Stadtbücherei unter: DEK MEIE (6x))
  • Kaspar, Fred: Bauen und Wohnen in einer alten Hansestadt. Bonn: 1985 - Seite 192. (Vorhanden in Stadtbücherei unter: DRK (4x))

 


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Aktualisiert am:  5. März 2008

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